Blätterfall

Ich hebe Blätter auf. Einfach so. Vom Boden. Rote, gelbe, rosafarbene… Die Bäume werfen sie ab. Sie stehen unbeweglich und stolz. Ich bücke mich dem Boden zu. Ich ergreife Eines, danach ein Zweites… Ich lasse sie aus meinen Händen gleiten, ergreife die Anderen. Ich suche ein Perfektes. Und es ist nur dort perfekt, auf dem Boden. Und nie in den Händen selbst. Ich sammle zwei Handvoll und lasse sie wieder auf die Erde fliegen. Um nochmal auf dem Boden zu landen, nur jetzt an anderer Stelle. Ich stelle mir vor, ich bin ein Baum. Als ob auch ich die Blätter von mir abwerfe.

Ich hebe den Blick vom Boden ab auf. Mich treffen die Blicke der Passanten. Ein junger Mann sieht mich an, als ob er tief in mein Inneres hineinsehen könne. Als ob er auch sein eigenes perfektes Blatt suche. Als hätte ich es aufgehoben, bevor er es machen konnte. Wir gehen aneinander vorüber. Ich trage meine gesammelten Blätter, meine Herbsternte, und lege sie auf meinem Fensterbrett auf. Man solle sie gut trocknen lassen. Ja, bevor ich sie in ein weit entferntes Land schicke. In verschiedenen Jahreszeiten.

Und wenn es dir zu trist und unerträglich wird im Winter, nehme ich aus dem Versteck, aus den alten vergilbten Büchern, das gelbe Blatt eines Ahornbaums oder das rote Blatt der Espe und schicke es dir in einem Umschlag. Ich lasse meinen Brief das Blatt umarmen, die Klebestreifen mit meiner nassen Zunge befeuchtend. Und wenn du in einer Winterstadt den Umschlag öffnest, wirst du Alles verstehen. In einem Augenblick verstehst du, warum ich mich dem Boden zugebückt habe. Und dieses perfekte Blatt gesucht habe, ohne auf die Passanten zu achten.

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